Herdenschutzhunde – Sanfte Riesen oder gefährlliche Hunde?

Herdenschutzhunde haben für immer mehr Menschen eine magische Anziehungskraft, gelten sie auch heute noch als besondere Hunde.

Herdenschutzhund Kangal Bruno mit Papillon Chico

Bruno, ein Kangal mit seinem Freund Chico

Wie der Name schon sagt wurden sie gezüchtet um die Herden der Hirten zu schützen und so wurden sie einst Hirtenhunde genannt. Sie wurden gezüchtet, um eigenständig zu arbeiten und ebenso eigenständig ihre Entscheidungen zu treffen.

Bis heute wird diesen Hunde nachgesagt, äußerst stur und nicht erziehbar zu sein. Dazu muss man sich mit der Geschichte dieser außergewöhnlichen Hunde ein wenig auseinandersetzen. Diese Hunde könnten niemals im Dienst der Menschen gestanden haben, wenn an diesem Mythos etwas dran wäre. Die Schäfer haben ihre Hirtenhunde ausgebildet und auch „erzogen“. Eigenständig haben diese Hunde gearbeitet, wenn der Hirte nicht mit auf der Weide war. War er zugegen, haben diese Hunde die Gefahr gemeldet, die Entscheidung aber, ob Freund oder Feind sich nähert, haben sie den Hirten überlassen.

Diese Hunde mussten lernen, dass sie sich nicht von der Herde entfernen durften um auf die Jagd zu gehen. Ebenso mussten sie lernen, dass die von Ihnen beschützten Tiere keine Beute für sie sind und dass Aggressionen nur bei Gefahr für die Herde eingesetzt werden dürfen.

Auf diese Art und Weise arbeiten Schäfer und Herdenschutzhunde bis heute zusammen. Diese Hunde wachsen mit den Herden auf und werden von Menschen für ihre Tätigkeit ausgebildet und vorbereitet.

Allein durch diese Ausbildung und die Zusammenarbeit mit ihren Menschen ist ersichtlich, dass man diese Hunde durchaus führen kann.

Was diese Hunde nicht haben, ist ein „Will to please“. Sie überlegen durchaus, ob das Ausführen eines Kommandos Sinn macht oder ob sie dem Wunsch des Menschen nachkommen sollen, gerne aber entscheiden sie sich für ein Nein!

souverän immer alles im Blick

Eines der größten Probleme im Zusammenleben mit einem Herdenschutzhund in unserer modernen Welt ist der Schutz der für diese Hunde neuen Herde, der Familie in der sie leben. Schnell bewachen sie ihren Genen entsprechend Haus und Hof mitsamt allem was darin lebt.

Einer der häufigsten Abgabegegründe ist, dass Besucher vertrieben werden oder sie Aggressionen gegenüber ihren Menschen zeigen.

In unzähligen Suchen nach einem Zuhause für einen Herdenschutzhund wird als Voraussetzung angegeben, dass sie nur zu Menschen kommen können, die bereits Erfahrungen mit diesen Hunden haben. Warum eigentlich?

Aus meiner Sicht muss dies nicht eine zwingende Voraussetzung sein. Viele mittlerweile erfahrende Herdenschutzhundbesitzer haben irgendwann unerfahren begonnen. Diese Menschen haben sich vollkommen unvoreingenommen dieser Herausforderung gestellt und sind an diesen Hunden gewachsen.

Manchmal kann Unerfahrenheit auch von Vorteil sein.

Diese Hunde brauchen Menschen, die sich nicht durch äußere Einflüsse haben beeinflussen lassen. Sie brauchen Menschen die authentisch sind, die meinen was sie sagen und sagen was sie meinen. Sie brauchen Menschen, die das Herz am rechten Fleck haben und über einen gesunden Menschenverstand verfügen.

Diese Hunde brauchen Menschen, die sie führen und auch mal energisch in ihre Schranken weisen.

Diese Hunde brauchen Persönlichkeiten, die standhaft bleiben und an sich selber glauben.

Für diese Menschen sind sie die sanften Riesen.

 

Wer mit sich selber nicht im Reinen ist oder ein Statussymbol an seiner Seite braucht, wird von diesen Hunden schnell an seine Grenzen gebracht. Diese Hunde spüren die Unsicherheit ihres Menschen sofort und werden diesen niemals ernst nehmen. Instinktiv übernehmen sie umgehend ihren Schutz und den der ihnen anvertrauten Menschen. Dafür wurden sie gezüchtet.

In einer Stadt oder gar einer Etagenwohnung haben diese Hunde nichts zu suchen. Es sind noch sehr ursprüngliche Hunde und so müssen sie auch leben.

Was fasziniert die Menschen so an diesen Hunden? Es ist wohl ihre Eigenständigkeit und doch wollen viele diese ihren Hunden abtrainieren, weil sie mit dieser nicht zurechtkommen. Hinzu kommt ihr imposantes Äußeres, mit dem sich so manche Menschen schmücken wollen.

Ein dressiertes Hündchen werden diese Hunde wohl nicht, aber ein treuer und zuverlässiger Begleiter, wenn der Mensch die Autorität ist, die diese Hunde respektieren.

Sind Herdenschutzhunde per se gefährlich? Nein! Diese Hunde wurden nicht auf Angriff gezüchtet sondern auf Schutz. Diese Hunde warnen sehr deutlich und es empfiehlt sich, diese Warnungen ernst zu nehmen. Nähert man sich einem drohenden Herdenschutzhund trotzdem, kann es zu einem Angriff kommen – aber erst dann!

Wer sich der Herausforderung Herdenschutzhund stellt, kann sehr viel lernen, vor allem über sich selbst.

Es wird vieles über diese Hunde geschrieben, vielleicht zu viel. Auch bei Herdenschutzhunden gilt der Grundsatz, dass Hund nicht gleich Hund ist. Wie alle Hunde hat auch jeder Herdenschutzhund seine Stärken, Schwächen und auch Kompetenzen.

Diese aber findet man in keinem Lehrbuch. Man erkennt sie, wenn man mit diesen Hunden und ihrer Natur lebt.

Besonders bei Herdenschutzhunden gilt: weniger ist manchmal mehr.

Ein Beitrag von Problemhundtherapie Marion Höft

Die Verfasserin ist ausgebildete und zertifizierte Problemhundetherapeutin. Sie arbeitet schon seit ihrer Jugend mit Hunden und hat in konsequenter Fortführung 2013 die Ausbildung zur Problemhundetherapeutin absolviert.

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